Was möchte mir dieser Fluss zeigen?
June 15, 2026

Es gibt Tage, an denen sich fast unmerklich etwas verschiebt.
Der Morgen beginnt ruhig. Die Besichtigung des Haubi liegt hinter mir, und zum ersten Mal seit längerer Zeit gibt es nichts, das unmittelbar entschieden werden muss. Die Interessenten denken nach. Ich denke nach. Es gibt keine offene Aufgabe, keinen Reparaturdruck, keinen Verkaufsstress. Stattdessen entsteht etwas, das lange selten geworden ist: echter Open Space.
Nach Meditation, Morning Pages und einem Spaziergang wird mir immer klarer, dass ich mich nicht mehr im Transit fühle. Nicht mehr wie jemand, der auf dem Weg zu etwas anderem ist. Der Haubi ist heute kein Verkaufsobjekt und kein Projekt. Er ist einfach wieder das, wofür ich ihn ursprünglich gekauft habe.
Ein Werkzeug für Freiheit, Langsamkeit und Natur.
Eigentlich möchte ich nur tanken, einkaufen und bei Decathlon einen kleinen Campingstuhl kaufen. Doch wie so oft entwickeln sich die schönsten Tage aus den einfachsten Vorhaben.
Das Tanken wird zunächst zu einer kleinen Frankreich-Episode. Mehrere Tankstellen akzeptieren meine Karte nicht. Erst nachdem ich Bargeld organisiert habe, kann ich im Super U einen Tankcode kaufen und endlich tanken. Dann Decathlon in Digoin. Ein Compact Chair — klein, günstig, bequem. Ich schreibe gerade darin.
Mit dem neuen Stuhl im Gepäck beginnt die eigentliche Entdeckung des Tages. Nur wenige Kilometer hinter Digoin finde ich einen Platz direkt an der Loire. Eine große Robinie spendet Schatten. Der Fluss fließt ruhig dahinter vorbei. Außer Vögeln höre ich nichts. Ein einziger anderer Reisender steht hier. Einer dieser typisch französischen Hippie-Busse, kleiner Iveco mit Koffer drauf.
Ich stelle den Stuhl auf. Mache Eiskaffee. Setze mich.
Je länger ich sitze, desto stärker entsteht das Gefühl, angekommen zu sein. Nicht angekommen im Sinne eines endgültigen Zieles, sondern angekommen im Moment.
Die Robinie wird zu einem stillen Begleiter. Ich beginne, den Baum genauer wahrzunehmen: seine Blätter, seine Rinde, die Form seiner Krone. Es entsteht fast so etwas wie eine Beziehung zu diesem Ort. Der Baum vermittelt Schutz, Geborgenheit, Ruhe. Die Loire wird nicht mehr einfach nur ein Fluss auf der Karte. Sie wird ein Gegenüber. Sagt: „Hallo, schön, dass du da bist." Die Robinie ebenfalls.
Im Laufe des Tages beginnt eine Idee Gestalt anzunehmen. Ausgehend von meinem Standort an der Loire entsteht die Vorstellung, dem Fluss flussaufwärts bis zu seiner Quelle am Mont Gerbier de Jonc zu folgen. Nicht als sportliches Ziel. Nicht als festgelegte Route. Als loser roter Faden für die kommenden Wochen.
Die Loire wird plötzlich zu einer Einladung. Und ich habe Lust, sie näher kennenzulernen.
Dabei öffnet sich gleichzeitig eine ganze Landschaft von Möglichkeiten. Die Quelle liegt bereits am Übergang zur Ardèche, zur Haute-Loire, zu den Cevennen. Es entstehen Bilder von kleinen Straßen, Dörfern, Vulkanlandschaften, Kastanienwäldern und abgelegenen Stellplätzen.
Auch die Allier taucht als Gedanke auf. Erinnerungen an frühere Kanutouren werden wach. Die Vorstellung, irgendwann mehrere Tage auf dem Fluss unterwegs zu sein, von Kiesbank zu Kiesbank zu paddeln, unter freiem Himmel zu übernachten. Nicht als Projekt für jetzt. Als Möglichkeit für irgendwann.
Am Abend wird immer deutlicher, dass die eigentliche Bewegung dieses Tages nicht auf der Landkarte stattfindet. Sie findet innerlich statt. Aus dem Zustand des Wartens wird ein Zustand des Entdeckens. Aus der Frage Wo soll ich hin? wird die Frage Was möchte mir dieser Fluss zeigen?
Am nächsten Morgen wache ich direkt an der Loire auf. Ich habe wunderbar geschlafen. Die Robinie steht noch immer über dem Haubi. Der Fluss fließt noch immer vorbei. Sehr langsam und sehr still. Das ist schon mal die erste Spiegelung. Langsam und still, Dirk. Und zum ersten Mal fühlt sich der Gedanke, ihm bis zu seiner Quelle zu folgen, nicht wie Reiseplanung an, sondern wie der Beginn einer Beziehung.
Vielleicht ist dies der Anfang einer wunderbaren Geschichte zwischen mir und der Loire.